GESPRÄCH MIT DEM DREHBUCHAUTOR MARTIN SUTER
Martin Suter, Sie erreichen mit Ihren Romanen ein Riesenpublikum und auch Ihre Kolumnen sind oft nahezu filmisch gebaute Geschichten. Wie kam es, dass Sie das Thema Älterwerden in ein Drehbuch verarbeiteten – war es die eigene Selbsterfahrung oder entstand die Idee aus Beobachtung? Woher nahmen Sie die Inspiration?Das Thema Älterwerden ist leider eines, um das man sich spätestens in meinem Alter nicht mehr drücken kann. Mit meinem leider verstorbenen Freund Daniel Schmid haben wir uns oft darüber unterhalten, und fast immer haben wir uns über die eigenen Symptome und die unserer Freunde und Bekannten amüsiert. Zwischen zwei Romanen hatte ich etwas Zeit und Daniels grosses Projekt Portovero war etwas ins Stocken geraten. Ich fragte ihn, ob er Lust habe, eine Komödie zu diesem Dauerthema zu machen, und er hatte Lust. So entstand die erste und zweite Fassung des Drehbuchs Giulias Verschwinden.
Wie lief der Schreibprozess oder wie entstand der Plot und die Figuren?
Bei mir entstehen Plot und Figuren immer im Kopf und am Schreibtisch. Es ist nicht etwas, was man im Team erarbeiten kann. Bei Drehbüchern gehe ich normalerweise so vor: Ich schreibe ein Exposé, bespreche es mit Regie und Produktion, schreibe einen Szenenablauf, bespreche ihn mit Regie und Produktion, schreibe eine erste dialogisierte Drehbuchfassung, bespreche sie mit Regie und Produktion. Bei Giulias Verschwinden war das aber ein bisschen anders. Das Drehbuch entstand ohne Auftrag, und weil der Film so stark von den Dialogen lebt, habe ich die Szenenfolge ausgelassen und nach dem Exposé gleich eine dialogisierte Fassung geschrieben. Durch die lange Zusammenarbeit mit T&C war es logisch, dass wir diese dann Marcel Höhn gezeigt haben. Sie gefiel ihm, und von da an war er bei allen weiteren Fassungen auf seine bewährte Art dabei.
Was ist der Unterschied beim Entwickeln von Dialogen für ein Drehbuch und für einen Roman – haben Sie eine unterschiedliche Arbeitsweise?
Bei Giulias Verschwinden war auch das etwas anders. In vielen Dialogstellen finden sich Sätze, die tatsächlich in Gesprächen mit meiner Frau oder Daniel Schmid oder anderen Freunden gefallen sind. Älterwerden ist eben etwas Autobiographisches, und das vermeide ich in meinen Romanen tunlichst.
Was ist Ihr nächstes Thema? An was arbeiten Sie zur Zeit?
Ich arbeite an einem Roman über einen genialen tamilischen Koch, der als Asylant in der Schweiz als Küchengehilfe arbeiten muss. Es erscheint wohl anfangs nächsten Jahres.
MARTIN SUTER (Drehbuch)
Er zählt zu den erfolgreichsten Schweizer Schriftstellern im deutschsprachigen Raum (u.a. Lila Lila, Der perfekte Freund, Die Dunkle Seite des Mondes, Small World) und war Drehbuchautor für zahlreiche Filme von Daniel Schmid.
Martin Suter, geboren 1948 in Zürich, ist Schriftsteller, Kolumnist (er schrieb die wöchentliche Kolumne ›Business Class‹ für die Schweizer ›Weltwoche‹ und danach das ›Magazin‹ des ›Tages-Anzeigers‹ und verfasste die Geschichten um Geri Weibel im ›NZZ-Folio‹, (beide im Diogenes Verlag in Buchform erschienen) und Drehbuchautor.
Bis 1991 verdiente er sein Geld auch als Werbetexter und Creative Director, bis er sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Seine Romane – zuletzt erschien Der letzte Weynfeldt – sind auch international große Erfolge. Martin Suter lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Spanien und Guatemala.
ROMANE UND HÖRBÜCHER (Auswahl)
2009 Das Bonus-Geheimnis
2008 Der Letzte Weynfeldt
2007 Unter Freunden
2006 Der Teufel von Mailand
2004 Lila, Lila
2002 Ein perfekter Freund
2001 Richtig leben mit Geri Weibel
2000 Die dunkle Seite des Mondes
1997 Small World
1994 Business-Class
DREHBÜCHER UND VERFILMUNGEN (Auswahl)
2009 Giulias Verschwinden verfilmt von Christoph Schaub, Produktion T&C FILM
2009 Lila, Lila verfilmt von Alain Gsponer, nach dem Buch Lila, Lila
1999 Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz verfilmt von Daniel Schmid,
Produktion T&C FILM
1992 Zwischensaison verfilmt von Daniel Schmid, Produktion T&C FILM
1986 Jenatsch verfilmt von Daniel Schmid
GIULIAS VERSCHWINDEN 