GESPRÄCH MIT DEM REGISSEUR CHRISTOPH SCHAUB
Christoph Schaub, ein Film über das Älterwerden. Was hat Sie an dem Thema interessiert? Sie haben den 50. Geburtstag ja bereits hinter sich...Da kann man trotzen und schmollen oder ein rauschendes Fest feiern. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden… die Geburtstage davor habe immer versucht zu ignorieren.
Wie man älter wird, unsere Vergänglichkeit und die Etappen des Lebens haben mich schon immer auf eine persönliche Weise interessiert und beschäftigt. Im Jahre 1988 habe ich meinen ersten Langspielfilm mit dem Titel ‚Dreissig Jahre’ gedreht. Es ist die Geschichte von drei Freunden, die dreissig Jahre ‚alt’ werden und auf unterschiedliche Art dem sich einstellenden Ernst des Lebens zu entfliehen versuchen. Ein Film über den bitter-süssen Abschied von der Jugend.
So ganz zufällig kann es also nicht sein, dass mir die T&C Film 20 Jahre danach ein Drehbuch anbot, welches um einen 50sten Geburtstag kreist. Damals bei 'Dreissig Jahre', schrieb ich das Drehbuch mit Martin Witz und es beruhte auf sehr persönlichen Erfahrungen. Diesmal stammt das Drehbuch von Martin Suter, einem Schriftsteller, dessen Bücher und Kolumnen ich immer mit grossem Vergnügen lese.
Was sollen die Kinozuschauer und Zuschauerinnen nach dem Film nach Hause nehmen?
Ich hoffe, dass der Zuschauer mit dem gleichen Gefühl das Kino verlässt wie Giulia ihre Geburtstagsgesellschaft am Schluss des Films. Freudig-überrascht über die unerwartete Wende des Abends und dadurch irgendwie versöhnt mit der eigenen Existenz. Darüber hinaus kann sich der Zuschauer – so hoffe ich zumindest - über einen klugen und witzigen Diskurs zu einem universellen Thema erfreuen, mit dem alle Menschen in der einen oder anderen Form konfrontiert sind. Drei Generationen setzen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit Ihren Empfindungen mit dem Älterwerden auseinander. Im Mittelpunkt steht die Generation der 50-Jährigen. Das Alter, in dem man den Verlust an Jugend, Attraktivität, Dynamik und sexueller Vitalität zum ersten Mal richtig wahrnimmt. Die positiven Attribute des Älterwerdens wie Erfahrung, vielleicht Weisheit, Gelassenheit oder Charisma werden erstaunlicherweise weniger gewichtet und spielen in der Werteskala eine nebensächliche Rolle.
Sie arbeiten oft mit dem gleichen Team (Schnitt, Musik, Szenenbild, Kostüm, Maske). Was sind die Vorteile aus Ihrer Sicht?
Ich finde Vertrauen bei der Arbeit etwas sehr Wichtiges. Ich arbeite ja auch schon seit 10 Jahren regelmässig mit T&C Film und Marcel Hoehn zusammen. Gemeinsame Erfahrungen bringen einen weiter und geben einem die nötige Sicherheit. Diese ist wichtig, insbesondere weil gerade beim Film das Scheitern und der Erfolg sehr nahe beieinander liegen.
Gleichzeitig versuche ich jeweils das mir Unbekannte - und somit Risikoreiche - als Teil des Arbeitsprozesses aktiv einzubauen. Ansonsten besteht die Gefahr, träge und sich seiner zu sicher zu werden.
Ein neues Moment war die Zusammenarbeit mit Filip Zumbrunn. Was war Ihr Ansatz bei der gemeinsamen Arbeit?
Das Drehbuch ist ungewöhnlich gebaut. Es gibt sehr lange Szenen (bis 9 Minuten lang) mit vielen Figuren. Die Dialoge in dieser kammerspielartigen Anlage sind zentral. Für Filip und mich stellte sich die Frage, mit welcher Arbeitsmethode die Energie und Dynamik am Optimalsten eingefangen und gleichzeitig filmisch intensive Momente geschafft werden können. So entschieden wir uns auf dem HD-Format zu drehen und so keinen Kostendruck beim Filmmaterial zu haben und auch die langen Szenen möglichst ohne Unterbrechung durchspielen zu können. Und ich wollte den Schauspielern eine möglichst grosse Freiheit beim Spiel einräumen. Dann entschieden wir uns mit zwei Kameras zu drehen, um zum einen genügend Schnittoptionen zu generieren und zum anderen beweglicher, risikoreicher und experimenteller drehen zu können. Die Kamera A sollte die Narration abdecken und die Kamera B gleichzeitig zusätzliche und ungewöhnliche Bilder suchen. Wir nannten diese Bilder „Bonusmaterial“ und sie waren für die Montage sehr wertvoll. Ich habe das erste Mal mit dieser Methode gedreht, während Filip schon bei 'Grounding' damit Erfahrungen sammeln konnte.
Nach mehreren Dialektfilmen nun eine Produktion auf Hochdeutsch und eine Zusammenarbeit somit auch mit bekannten deutschen Schauspielern. Was sind die bleibenden Erinnerungen, die Unterschiede in der Arbeit?
Die Regiearbeit ist die Gleiche, ob ich in Dialekt, Hochdeutsch oder auf Französisch drehe. Die Wirkung der Dialoge ist jedoch eine andere. Der Dialekt im Film stellt für uns Deutschschweizer etwas anderes her als die Hochsprache. So wie sich Martin Suters Drehbuch präsentierte, war es uns allen völlig klar, dass es auf Deutsch gedreht werden muss. Dies ermöglichte uns auch, im ganzen deutschsprachigen Raum Schauspieler zu suchen. Im Film ist nun eine Mischung von Schauspielern aus Deutschland und der Schweiz. Wobei ich bei der Arbeit überhaupt keinen Unterschied merkte. Alle schätzten sehr, dass wir vor dem Drehen lange intensiv probten und ich mit allen ausführliche Gespräche über ihre Figur führte. Ich spürte, wie sehr die Suter-Dialoge die Schauspieler motivierten, wie positiv die Arbeitsmethode mit zwei Kameras für ihr Spiel war und wie sie sich schliesslich gegenseitig beim Spielen herausforderten.
Kurz: Es war bis jetzt in meiner Karriere die intensivste, schönste und ungewöhnlichste Arbeit mit Schauspielern.
CHRISTOPH SCHAUB (Regie)
Regisseur der Publikumserfolge Sternenberg und Jeune Homme. Sein letzter Film Happy New Year erhielt 4 Nominationen für den Schweizer Filmpreis und wurde u.a. am Internationalen Filmfestival in Moskau 2009 und in Locarno gezeigt in der Sektion Appellations Suisse gezeigt.
Christoph Schaub, geboren 1958 in Zürich, hat sich autodidaktisch ausgebildet und realisiert seit 1984 Spiel- und Dokumentarfilme sowohl für das Fernsehen wie für das Kino. Seit 1998 arbeitet er vermehrt nur als Regisseur, und seine Tätigkeiten als Drehbuchautor und Produzent sind in den Hintergrund getreten. Im dokumentarischen Bereich hat er sich auf Filme über architektonische Themen spezialisiert. Seine Filme erhielten weltweit Festivaleinladungen und zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen.
1981 Eintritt in die Mediengenossenschaft Videoladen Zürich (Austritt 1991)
1988 Mitgründer der Produktionsfirma Dschoint Ventschr AG (Rücktritt 1994)
1991 Initiant und Mitgründer des Kino Morgental Zürich (Schliessung 2002)
1998 Initiant und Mitgründer des Kino, Bar, Bistro RiffRaff in Zürich und Kino, Restaurant Bourbaki in Luzern (2005)
2002 Künstlerischer Leiter Film für die Ausstellung ONOMA für die Schweizerische Landesausstellung EXPO 02
1996-2004 Freiberufliche Lehrtätigkeit am Studienbereich Film/Video, Höhere Schule für Gestaltung und F + F Zürich / Zürich.
seit 2005 Stiftungsrat im Ausschuss der Zürcher Filmstiftung
FILMOGRAFIE (AUSWAHL)
2009 Giulias Verschwinden (Kinospielfilm) Kinostart Schweiz: Oktober 2009
2008 Happy New Year (Kinospielfilm) 94’
2008 Bird’s Nest – Herzog & De Meuron In China (Kinodokumentarfilm) 88’
2007 Brasilia – Utopie Der Moderne (TV-Film) 26’
2006 Jeune Homme (Spielfilm) 98’
2004 Sternenberg (Spielfilm) 88’
2002 Der Zweite Horizont (Dokumentarfilm) Video, 48’
2001 Stille Liebe (Spielfilm) 92'
1999 Die Reisen des Santiago Calatrava (Kinodokumentarfilm) 35mm, 77‘
Das Vrin-Projekt (Dokumentarfilm) Video, 48‘
1997 Einfach So (Kurzspielfilm) 35mm, 13‘
Cotgla Alva - Weisse Kohle (Dokumentation) Video, 24‘
1996 Lieu, Funcziun e Furma - L‘Architectura da P. Zumthor E
Gion Caminada (Dokumentarfilm) Video, 24‘
1995 Rendez-Vous im Zoo (Dokumentaressay) 35mm, 82‘
Il Girasole - Una Casa Vicino a Verona (Dokumentarischer Kurzfilm) 35mm, 17‘
1992 Am Ende Der Nacht (Spielfilm) 35mm, 88‘
1989 Dreissig Jahre (Spielfilm) 35mm, 88‘
1987 Wendel (Spielfilm) 16mm, 58‘
1982 Nachwuchs - Zürcher Teddyszene (Dokumentarfilm) Video, 45‘, mit Marcel Müller
www.schaubfilm.ch
Portrait auf
www.swissfilms.ch
GIULIAS VERSCHWINDEN 